Auszug aus dem 3. Kapitel :
(Achtung, Spoiler!)
Grace parkte den Wagen in der Nähe des Friseursalons in einem fast leeren Parkhaus. Zum Glück war außer uns keiner unterwegs, wir liefen die Treppe nach unten und kamen an eine kaum befahrene Straße. Diese überquerten wir, mussten anschließend noch durch eine Gasse, und schon waren wir in der Einkaufsstraße von Sunville.
»Dort hinten ist der Friseur.« Grace zeigte in die entsprechende Richtung.
Ich verharrte auf der Stelle, war mit einem Mal hin- und hergerissen. Die Einkaufsstraße strahlte mit vollen bunten Schaufenstern und Lichtern, einige der Läden hatten noch geöffnet. Dadurch waren hier viele Menschen unterwegs. Eine mir sehr gut bekannte Unruhe stieg in mir auf.
Grace ging zwei Schritte weiter, erst dann bemerkte sie, dass ich nicht mehr an ihrer Seite war, und blieb ebenfalls stehen.
»Ich hatte erwartet, keine Menschen anzutreffen«, erklärte ich entschuldigend.
Sie verzog den Mund. »Willst du lieber nach Hause?«
Meine Gedanken wirbelten mir nur so durch den Kopf. Da waren meine Ängste, die energisch anklopften, aber auch das Gefühl der Freiheit, welches ich den ganzen Tag über gespürt hatte, und natürlich das Versprechen des Engels.
»Schon gut«, nuschelte ich und setzte mich wieder in Bewegung. »Ich schaffe das schon.« Wenn Tante Grace wie ein Schutzschild nah bei mir blieb, würde bestimmt nichts geschehen. Noch besser wäre gewesen, wenn ich den Engel gespürt hätte …
»Das Spray hast du eingesteckt?«
»In meiner Jackentasche, immer griffbereit.«
»Na, dann mal los.«
Grace blieb immer schützend an meiner Seite. Wir marschierten eilig den Gehweg entlang. Hastig und voller Neugierde sog ich die vielen Eindrücke der beleuchteten Schaufenster in mich auf. Sie waren voll mit Verlockungen und es war ewig her, dass ich durch so eine Straße gegangen war. Ich versuchte, mich zu erinnern, und glaubte, dass ich sechs Jahre alt gewesen sein musste. Damals hatte mich meine Pflegemutter mitgenommen, um mit mir durch die Straßen zu bummeln, ehe das nächste Unglück über mich hereinbrach.
Ich schob die Erinnerungen an meine Vergangenheit fort, sie machten mich nur traurig.
Bald konnte ich den Friseurladen erkennen. Trotzdem blieb ich einen Moment vor dem Schaufenster des Juweliers stehen, da ich etwas entdeckt hatte.
»Schau, da gibt es ein ähnliches Armband wie unsere.« Es hatte aber nur Blumen und Schmetterlinge als Anhänger.
Grace beugte sich hinunter. »Stimmt«, bestätigte sie. »Aber unsere sind absolute Unikate.«
Damit hatte sie recht. Ich richtete mich wieder auf und schaute auf die Seite. Zwei Männer kamen in unsere Nähe. Sie unterhielten sich angeregt mit je einem Becher Kaffee in der Hand.
Grace kreischte plötzlich laut auf.
Ihre Hände griffen nach mir, aber sie fischte nur vergeblich in der Luft herum, ohne mich zu erwischen. Zur selben Zeit quietschten Autoreifen, jemand hupte in Dauerschleife, einige Menschen schrien. Einer der Männer wurde erfasst, mich schleuderte es auch nach hinten.
Holz zerbrach, Mauerwerk bröckelte. Das Glas des Schaufensters klirrte und verteilte sich rundherum in vielen kleinen Scherben auf dem Gehweg und der Straße.
Der Alarm des Juweliergeschäfts schrillte in meinen Ohren.
Was war geschehen?
Das war alles so schnell gegangen!
Kurz wurde mir schwarz vor Augen. Ein stechender, fast schon lähmender Schmerz fuhr durch meinen Körper.
Keuchend beugte ich mich vornüber, sah das Metall des weißen Wagens und erkannte knallrotes Blut darauf. Ich erstarrte vor Schreck, die Schmerzen ließen mich zittern, ich konnte mich nicht mehr bewegen. Ein Teil des Wagens steckte tief in meinem Fleisch, die Schmerzen waren so unbarmherzig und schrecklich, ich wollte schreien. Laut um Hilfe schreien, aus meinem Mund kam jedoch nur ein verzweifeltes Stöhnen.
»Bleib ruhig!« Grace war schnell bei mir, zum Glück war sie unverletzt. »Ich bin bei dir.« Sie war kreidebleich im Gesicht und presste zitternd ihre Hand auf meine Stirn. Es brannte.
Meine Augen weiteten sich. Wem gehörte all dieses Blut? War das alles meines? Wieder stöhnte ich nur, wollte schreien oder weinen, stattdessen sackte ich in mich zusammen. Mein Kopf hämmerte, unerträgliche Schmerzen schossen erbarmungslos hindurch.
»Hilfe ist gleich da.« Grace drehte sich zu jemandem um. »Nun rufen Sie endlich den verdammten Notruf!«, schrie sie laut. »Haben Sie vergessen, wie man ein Handy bedient? Ich kann nicht telefonieren! Sehen Sie nicht, wie stark sie blutet?«
Notruf? Blut? Ach ja, das an mir. Es war einfach überall. Mein Herz pochte verzweifelt, mit jedem Herzschlag drang mehr Blut aus meinen tiefen Wunden am Bauch. Ich verzog schmerzerfüllt mein Gesicht und schnappte hilflos nach Luft.
»Was ist los?«, brachte ich mühsam heraus. Wieder wurde alles schwarz, für ein paar Sekunden war ich wie weggetreten, um mich herum herrschte vollkommene Stille.
Die Alarmglocke schrillte im nächsten Augenblick wieder in meinen Ohren, es war ein widerlich hohes Geräusch.
Jemand tätschelte meine Wangen. »Miracle, du musst wach bleiben«, hörte ich Grace. Ihre Stimme klang weit entfernt. »Nein, sie ist eingeklemmt! Sehen Sie das nicht?!«
»Können Sie erkennen, wo sie verletzt ist?«
»Sie hat eine Platzwunde am Kopf. Und da ist ein Blechteil, das in ihrem Bauch steckt.«
»Oh mein Gott. Zu viel Blut. Das ist zu viel Blut.«
»Bewegen Sie keinesfalls das Auto oder den Schrank hinter ihr!«
»Aber da läuft Benzin aus. Was ist mit dem Fahrer?«
»Er ist bewusstlos, der Gurt lässt sich nicht öffnen.«
Die Stimmen überschlugen sich.
»Wir brauchen schnell Hilfe! Ist ein Arzt hier?«
»Kann jemand die Alarmglocke abstellen?«
»Vergessen Sie das blöde Ding, verdammt noch mal! Nun helfen Sie mir doch endlich mit dem Gurt!«
»Hilfe! Meine Nichte verblutet! Beeilen Sie sich bitte!«
Da waren noch andere Stimmen, die hektisch durcheinanderredeten. Um mich herum brach die Hölle los, während mir heiß und kalt zugleich wurde und ich gegen ein lähmendes Zittern ankämpfen musste.
»Süße, halt still«, flehte Grace, als ich mich aufrichten wollte.
Mein rechter Arm war eingeklemmt, ein erneuter Schmerz schoss durch mich hindurch. »Grace, mein Bauch tut so weh«, hustete ich. Mein Mund füllte sich mit Blut. Panik ergriff mich.
Sie hielt beschützend meinen Kopf. »Himmel! So hilft uns bitte endlich jemand!«
»Ich kann den Rettungswagen hören«, sagte eine männliche Stimme. »Oscar, mein Kumpel, halte durch!«
Wieder musste ich husten. Dabei spürte ich, dass meine Eingeweide nicht mehr an ihrem Platz waren. Grace hielt meinen Kopf weiter fest an sich gedrückt und presste eine Hand auf die stark blutende Platzwunde. Ich schielte etwas nach unten und sah endlich deutlicher, was geschehen war. Das Auto hatte mich in den Laden hineingeschoben. Ich klemmte zwischen dem Wagen und der Ladentheke. Der Mann von vorhin lag eigenartig verdreht nicht weit von mir entfernt.
Ich verstand endlich, was geschehen war.
Mein Fluch hatte zugeschlagen.
»Grace …« Ihr Name kam nur noch hauchend aus meinem Mund. Blut gurgelte nach oben und nahm mir den Atem.
»Schhh, nicht reden«, schluchzte sie unter unzähligen Tränen. »Alles wird gut.«
»Grace … ich bin nicht lange fort …«, versuchte ich, sie zu beruhigen. Mir war kalt. So unendlich kalt, ich kannte das nur zu gut. Da sich ihre Stimme immer weiter entfernte, wusste ich, dass ich gerade starb. »Grace, keine Angst«, hauchte ich abermals und nahm dafür all meine letzten Kräfte zusammen. »Du darfst nicht vergessen, dass ich unsterblich bin.«
»Oh, mein Mäuschen, es tut mir so leid«, schluchzte sie herzzerreißend. »Es tut mir so leid, es ist alles meine Schuld.«
»Nein, das ist es nicht.« Wieder musste ich husten. Meine Lungen brannten, als wären sie zerfetzt worden. »Ich komme gleich wieder«, flüsterte ich und zitterte vor Kälte. »Bin gleich wieder da …« Eine Dämmerung legte sich über meine Augen, mein Herz machte seine letzten Schläge.
Das fühlte sich schrecklich an.
»Hilfe! Warum hilft mir denn niemand!« Grace weinte und klang so verzweifelt. »Süße, nicht die Augen zumachen, bleib bei mir. Bitte bleib bei mir.« Sie streichelte meine Wange. »Es tut mir so leid. Es ist alles meine Schuld …«
Die Dämmerung wurde zur Nacht. Mein Atem war fort, ebenso mein Herzschlag.
Zuerst bemerkte ich nur die Eiseskälte, dann verschwand auch diese. Dunkelheit umgab mich, sie trieb mich weit weg, irgendwo anders hin. Zeit und Raum lösten sich auf, da war nichts mehr, absolut nichts mehr.
Dann erschien ein kleiner Lichtpunkt.
Und ein Schatten.
»Engel?«, rief ich in die Stille hinein, aber es kam kein allzu lauter Ton aus meinem Mund. Er verebbte in der Dunkelheit. Wie immer.
Der Schatten kam immer näher, ich erkannte ihn. Natürlich war es mein Engel. Er war groß, aber ich sah nur seine verschwommenen Umrisse. Ein gräuliches, aber warmes Licht umgab ihn, rundherum blieb es stockfinster.
»Warum ist das gerade geschehen?«, fragte ich voller Verzweiflung. »Du hast mir doch Schutz versprochen!« Er war fast bei mir, aber er antwortete nicht. »Bitte hilf mir! Ich will nicht mehr vom Tod verfolgt werden. Warum bin ich verflucht? Warum hast du den Unfall nicht verhindert?«
Seine verwischten Umrisse wurden nicht deutlicher, obwohl er nun ganz nah bei mir war. Ich spürte seine Energie, diese Vertrautheit zwischen uns.
Wir kannten uns seit meiner Kindheit.
Er berührte mich und küsste meine Stirn.
Ganz kurz blieb die Zeit stehen.
Ende der Leseprobe
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